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Aus dem Buch: Immer wenn es Weihnacht wird, Karl Überreuther Verlag, herausgegeben von Ingrid Weixelbaumer

Der frühe Wintersturm trug ganze Wellen von Schnee heran. Das kleine Pfardorf Oberndorf in Salzburg schmiegte sich noch geduckter an den weiten Bogen der Salzach. Heute war es sehr kalt, denn auf dem rauschenden Wasser des Flusses wirbelten Eisschollen herab und schoben sich knirschend auf den Uferrand. Die kleine bayrische Stadt Laufen jenseits des Flusses war an jenem Morgen des Heiligen Abends 1818 hinter den weißen Schneewirbeln kaum mehr sichtbar. Nur der Hall der Morgenglocke klang über das Wasser herüber. Oder war es die Kirchenglocke von Oberndorf? Der junge Pfarrvikar Josef Mohr öffnete das Fenster des kleinen Pfarrhofes und lauschte in das Stürmen hinaus. Ach, es war richtig seine eigene Kirche, die ihn rief! R schloß das Fenster rasch und machte sich zum Kirchgang bereit. Doch bevor er aus der warmen Stube trat, fiel sein Blick noch einmal auf das weiße, engbeschriebene Blatt, das auf dem Tische lag. Er lächelte froh. Nun konnte der Freund kommen – er hatte sein Versprechen erfüllt! Am Abend des vergangen Tages hatte den Pfarrvikar der Lehrer und Organist Franz Gruber aus Arnsdorf besucht. Sie hatten über die Mitternachtsmette des Heiligen Abends gesprochen. „Ich wollte nur eines – ein neues Lied!“ seufzte der Organist. Der Pfarrvikar schüttelte verwundert den Kopf. „Ein Lied? Du hast doch Kirchenlieder genug“, meinte er. „Ach, Lieder wohl! Aber doch keines, das so recht das Herz der Kirchengänger erfaßt. Stell es dir doch ein wenig vor: Die Bauersleute kommen mitten in der Nacht eine ganze Stunde weit herzu. Daheim haben sie die Krippe aufgestellt, und vielleicht konnte mancher auch die Weihnachtsbotschaft in der Hauskapelle vorlesen. Ihre Herzen sind noch voll davon – und in der Kirche sollen sie nur ein lateinisches Lied hören?“ Der etwas ältere Lehrer und Organist hatte sich heißgeredet. Auch Josef Mohr, der Vikar, spürte es warm im Herzen werden. Ein Lied sollte man haben, ein heimisches Lied! Ein Gedanke tauchte auf. „Soll ich es zu dichten versuchen?“ Franz Gruber sprang auf. „Willst du es wirklich tun?“ fragte er. „Versuchen will ich es!“ nickte der Vikar. „Aber du musst halt zufrieden sein mit dem, was ich fertigbringe.“ „Du kannst das Lied dichten – lebe dich nur recht hinein in das Wunder von Bethlehem! Denk dir nur, du wärest selber ein armer Hirt und kommst voll Staunen hin zum Stall!“ „Arme Hirten“, nickte langsam der Pfarrvikar, „das sind wir doch alle zwei, du und ich …“Josef Mohr hatte bis tief in die Nacht hinein geschrieben und gereimt. Die Stube wurde allmählich kalt; nur in seinem Herzen wuchs die Falmme der heiligen Freude. Und als er sich erhob, meinte er noch den leisen Flügelschlag des Engels auf dem Feld von Bethlehem zu spüren. So war es wohl verständlich, dass Josef Mohr jetzt am Morgen schon von weitem dem Organisten Franz Gruber zunickte, der ihn bereits vor der Kirche in Oberndorf erwartete. „Wie heißt dein neues Lied?“ fragte der Organist voller Erwartung. „Wie soll ich es nennen – es beginnt halt einfach mit dem Wort >Stille Nacht – heilige Nacht!“ Und während er später mit dem Gedicht in der Tasche nach dem wohl eine gute Stunde entfernten Arnsdorf heimging, wuchs ihm aus dem Winterwind und dem leisen Flockenfall der erste Takt der neuen Melodie zu … Die Dämmerung des Heiligen Abends senkte sich herab, da war auch Franz Gruber mit seiner Komposition zu Ende. Er spielte die Melodie auf seiner Gitarre, denn zu einem Harmonium hatte er es mit seiner kargen Entlohnung als Dorfschulmeister noch nicht gebracht. Jeder Ton ging zu Herzen und hob es empor zur heiteren Freude. Ach, diesmal konnten sie der alten Kirchenorgel von Oberndorf leicht entraten! Diese war ja schon so schwindsüchtig und der Balg durchlöchert, dass der Orgelbub mit dem Treten kaum mehr fertig wurde. Heute sollte er rasten dürfen. Es begann eine stille Winternacht. Der Wind war eingeschlafen, nur der Schnee sank immer noch lautlos vom Himmel. Von allen Seiten schwankten über den verschneiten Wegen und Straßen die Lichter herzu. Die wortkargen Bauersleute und die vermummten Bäuerinnen lösten sich vor der Kirche aus ihren Umhüllungen, schüttelten den Schnee von den Schultern und bliesen den Lämpchen aus. Gefasst und voll Ruhe wie immer traten sie in die kerzenhelle Kirche. Der alte Pfarrer von Oberndorf verlas langsam und voll innerer Bewegung das Weihnachtsevangelium: „In jener Zeit…“ Als er geendet hatte und über die stumme Schar der Andächtigen hinblickte, las er gespannte Erwartung in den Gesichtern. Die Orgel schwieg. Der junge Pfarrvikar Josef Mohr und der Lehrer Franz Gruber standen nebeneinander auf der Orgelempore. In die große Stille hinein erklangen ein paar einstimmende Gitarrenklänge. Nun kam das neue Lied – wie wurde es aufgenommen? Da setzten, zaghaft erst, die Stimmen der beiden Freunde ein, die das neue Weihnachtslied geschaffen hatten:

„Stille Nacht, heilige Nacht, alles schläft, einsam wacht …“

Unten in der Kirche war das letzte Geräusper verstummt. Atemlos horchten die einfachen Menschen. Strophe um Strophe des neuen Liedes füllte sich. Hier und da begannen manche Augen feucht zu schimmern; leise, scheue Tränen glitten über die Wangen ernster Bauerngesichter. Die Heilige Nacht gewann plötzlich neuen Galnz; sie leuchtete mit ihrem Licht bis ins dunkelste Herz. Es war den ersten Zuhörern, als hätte der Himmel selber sich einen Spalt weit aufgetan… Das letzte Wort verklang, der feine Ton der Gitarre verstummte. Alle warteten noch eine Weile, als könnte und könne das Lied doch nicht schon zu Ende sein. Der Nachhall sang noch in ihren Herzen. Und als die Mitternachtsmette des Jahres 1818 in Oberndorf an der Salzach ausklang, da war ein Lied geboren worden, das wie kein anderes bis heute die ganze Welt umspannt in seiner Einfalt und Größe, das heute in allen Sprachen erklingt – das schönste Weihnachtslied!

Franz Braumann